Wandern in Georgien (Aug 2019)

Tag 1

Die Reise beginnt. Wir machen uns auf den Weg zum Flughafen Schönefeld. Ein Flughafen der seinesgleichen sucht. Schon vor Jahren hätte er abgelöst werden sollen durch den BER. Der schaut traurig von der anderen Seite der Rollfelder herüber. Genug des Hohns …. also wie man es kennt: Lagerhallenromantik.

Zustand: Ulla aufgeregt, aber gefasst. Ich aufgeregt, weil… ja weiß ich auch nicht. Weil es los geht. Ist wohl eher Vorfreude und keine Aufregung.
Flug: Pünktlich, frei von Turbulenzen. In Tiflis schon Abendstimmung bei deutlich über 30°C. Weil wir nach Osten fliegen, werden unserem Tag zwei Stunden geraubt.

Ankunft Tiflis: Am Flughafen das übliche Drama „150 Lari, 150 Lari, normal price, normal price“. Wie wir 14 Tag später herausfinden sollten, geht es auch für 40. Anmerkung der Redaktion: 3 Lari = 1 Euro
Wir haben uns dann mit einer jungen Ornithologin das Taxi geteilt und noch was am Preis rumverhandelt. Dann war es erträglich.

Die ersten Sekunden in einem neuen Land nachdem man den klimatisierten Flughafen verlässt, immer sehr eindrucksvoll. Mich erinnert es an Palästina. Bisschen Chaos, bisschen Schmuddel hier und dort, aber alles irgendwie in Ordnung und alle freundlich.

Ankunft am „Hotel“. Unser Gastgeber „Gaga“ erwartet uns schon. Hochgrad sympatisch und ausgerüstet mit bestem Englisch zeigt er uns das Zimmer. Backstein – wie es sich für eine hip-aufstrebende Stadt schickt. Bad sauber, Ulla happy.

Es ist schon dunkel, wir wollen noch traditionell Khinkali essen. Also noch mal raus aus dem Hotel und nur kurz über die Straße – da ist es schon. Der Zebrastreifen überquert insg. nicht weniger als acht Spuren. Wir starren lange ungläubig auf dieses Verkehrs-Spektakel. Es wirkt lebensgefährlich. Nach einer Weile kommen andere Leute und gehen einfach drüber. Die Autos halten knapp und auch immer nur dort wo die Menschen sich gerade befinden. Ok, so funktioniert hier also ein Zebrastreifen. Augen zu und durch. Man gewöhnt sich dran …. ein bisschen gewöhnt man sich dran. Essen, ja da kommen wir noch zu. Gute Nacht. Nur 3 Bilder von diesem Tag.

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Tag 2

Weniger spannend aber was fürs Auge. Tiflis zeigt sich mächtig hochsommerlich, wir erkunden die Stadt und stellen fest, dass die Rustaveli Ave. vor unserer Haustür die mit Abstand größte Straße ist. Witzig daran: Eine Straßen-Seite(!) voller Shops und die andere Seite Cafes, Museen und Regierungsgebäude mit diplomatischem Charme. Mal was anderes – fast wie ein Mexican-Stand-Off. Wir kaufen unsere ersten Brote und Getränke. Spätis gibt es hier ähnlich viele und gut ausgerüstete – fast wie in Berlin und im Cafe kennt man Flat-Whites und glutenfreie Banenbrote. Dann Handy raus, Google Maps an und die kleinsten Gassen raussuchen. Hinterhof-Spionage könnte man das nennen. Davon ein paar Bilder.

Als wir von dem Stadt-Trip zurück kehren, gibt es noch schnell zwei Khachapuri „auf Kralle“ und wir kühlen uns von den 39°C in der Pension etwas ab. Ulla hat so einen Kohldampf, dass sie ihren Spinat-Fladen quasi einatmet und den Gastgebern -die kurz zu Besuch sind- nur ihren Rücken zeigt. Es fällt ihr selbst erst auf, als der Hunger gestillt ist. Das Raubtier ist uns allen inne – keine Vorwürfe J

Zum Abend ein echter Restaurantbesuch zu einer echt georgischen Uhrzeit. Sicher 22 Uhr als wir ankommen. Ich in meiner blauen kurzen Schlafanzughose. Vergessen was Vernünftiges anzuziehen. Man lässt mich rein. Warum gibt es davon eigentlich kein Foto?  Oder …. vllt. besser so. Lecker war es. Grüne Salate, Lachs und einige Rotweine später wird der Tag besiegelt. Nachts ist Tiflis übrigens deutlich lebhafter, aber durchaus ein bisschen unheimlich.

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Tag 3

Wir treffen uns mit unserem Gastgeber „Gaga“ zur Abrechnung. Er erlaubt uns das Reisegepäck in Tiflis bei ihm zu lassen, obwohl der einzige Ort der ihm sicher genug erscheint sein privater PKW ist – guter Mann. Ab diesem Zeitpunkt sind wir für die nächsten 6 Tage auf maximal gewicht-reduzierte Wanderrucksäcke reduziert. Es fühlt sich aber richtig an. Das Abenteuer kann kommen.

Den Tag müssen wir aber noch „rum bringen“, da unser Nachtzug quer durchs Land erst um 22 Uhr geht. Wir wandern durch den Wald oberhalb der Altstadt zum Pantheon und weiter zur Gipfelstation der Standseilbahn und genießen einen ziemlich irren Ausblick über die Millionenstadt. Auf dem Rückweg pausieren wir an einem sehr empfehlenswerten kleinen Platz – Möglicherweise finden aber auch nur wir beide es dort schön. Es ist leise, nie was los und man kann exzellent sitzen, leichter Wind: Der Sulkhan-Saba Garden. (klingt riesig, ist winzig)

Wir kühlen uns noch einmal vor der Klimaanlage ab. Dann raus und mit dem Taxi bei 37°C um 21 Uhr zum Hauptbahnhof. Der Nachtzug ist ein Schock für Ulla und auch ein bisschen wild für meinen Geschmack. Viele Interessante Passagiere, aber eindeutig eine Zeitreise in die sowjetische Vergangenheit des Landes. Wir sind nicht mal im selben Abteil, obwohl wir Wochen vorher online gebucht haben – aber irgendwie ist das was Gutes. Ulla wird in die Obhut eines geduldigen australischen „Sunny-Boys“ genommen führt gute Gespräche mit russischen Jungautorinnen und einer Ärztin. Im Gang geht es zu wie auf einem Bazar auf dem Abteilnummern gehandelt werden. Es wir getauscht bis alle dort wohnen wo sie wollen. Nur wir zwei sind eher im Resignationsmodus und beobachten das Treiben mit einer Mischung aus Staunen und Schmunzeln. Es ist nach dem kosmopolitischen Tiflis ein derart drastischer Wechsel der Reisestimmung, dass Galgenhumor gerade genau das richtige ist. Im Zug ist eine Affenhitze – die Berge können jetzt wirklich kommen.

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Tag 4

Die Nacht im Zug war… unvergesslich. Ich habe fünf Stunden geschlafen, Ulla vllt. eine (eigene Aussage). Zur Dämmerung rollen wir in Zugdidi ein. Der Bahnhof eine Baustelle. Die Menschenmassen strömen über den Lehmboden und eine alte Holzplanke raus zu einer Art mini-Parkplatz der gespickt ist mit Marshrutkas. Das sind Kleinbusse, die im Linienverkehr das ganze Land jenseits der Zugstrecken befördern. Ihr Zustand oft dürftig, die Fahrer wahnsinnige Raser, die Strecken gefährlich und die Vergabe der Sitzplätze willkürlich. Aber Sie sind schnell am Ziel und man muss nicht am Preis verhandeln. Eine Panorama-Fahrt und viert Stunden später kommen wir durchaus geschlaucht in Mestia an. Dem Zermatt Georgiens. Dort treffen wir Benjamin und Kristina,  die aus Innsbruck über Umwege mit Zügen nach Georgien gereist sind – Interrail. Das Cafe in dem wir uns treffen sollte auch für spätere Tage eine willkommene Oase sein. Es gibt Gebäck und allerfeinsten Kaffee.

Dann werden die Rucksäcke geschultert und es geht über eine Passhöhe rüber ins Nachbartal. Auch wenn man sich erst ans Wandern gewöhnen muss, es gibt so viel zu erzählen, dass die Zeit verfliegt. Ziel der letzte Ort am oberen Ende dieses Tales: Zabeshi. Der Weg dort hin gut besucht, wunderschön und nicht zu viel. Wir kommen sogar an einem verlassenen Heuschober mit Kühlschrank vorbei, nehmen uns Getränke raus und hinterlassen Bares. Optisch erinnert die Landschaft doch deutlich an die Alpen und auch die Landwirtschaft in den Tälern, mit einzelnen Dörfern und viel Vieh wirkt nicht fremd. Nur 100 Jahre zurückversetzt vielleicht.

Das Zeltlager wird an einem reißenden Fluss aufgeschlagen auf einem Rasen wie ihn ein englischer Greenkeeper nicht schöner hinbekommen würde. Auch andere Wanderer finden es hier gut. Es wird gekocht, Zelte aufgebaut, nach der wilden Anreise wollen die Körper auch langsam mal wirklich zur Ruhe kommen. Pünktlich nach dem Zähneputzen ein Gewitter – also ab ins Zelt. Gemütlichkeit trotz heller Blitze und lauten Donners. Im Tal fühlt man sich doch recht sicher also schlafen wir gut.

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Tag 5

Langsam kommen wir rein. Heute mit knapp 1000 HM ein eher anstrengender Tag. Aber die Gewissheit das Zelt überall unbehelligt aufstellen zu können nimmt einem viel Druck. Es gibt (anders als in den Alpen) keine Hütte die erreicht werden muss. Das hat viel Schönes.

Die Landschaft wird durch die zunehmende Nähe zum Hauptkamm des großen Kaukasus immer eindrucksvoller. Alles hier ist 1000 Meter nach oben versetzt. Waldgrenze eher bei 3000 und Gipfel eher bei 4500. Viele Wiesenflächen und Hochmoore.

Das Ende des Tages besiegeln wir in Adishi. Sehr ursprüngliches Dorf. Der lokale Ziegenbock ist ein Provokateur und Entertainer. Man backt uns auf Bestellung Brote ohne Käse und Bier gibt es auch noch. Obwohl fast alle Dörfer kapiert haben, dass hier mit Touristen Geld zu machen ist und deshalb Guest-Houses (primitive Pensionen) anbieten, ist es völlig akzeptiert 100 Meter neben dem Dorf zwischen den Kühen des Bauers seine Zelte aufzuschlagen. Bei wahnsinnig schöner Aussicht schauen wir dem Bauern zu wie er die Kühe auf einem Pferd sitzend zusammentreibt. Begleitet wird der Cowboy vom wenige Wochen alten Fohlen. Ein surreales Bild wie aus einer anderen Zeit.

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Tag 6

Königsetappe bei Kaiserwetter. Ununterbrochene Gletscher-Ausblicke und ein Camp… so wie ich mir immer den Kaukasus vorgestellt habe.

Von Adishi geht es rauf zum Talgrund wo wir einen beachtlichen Fluss queren müssen. Es stehen junge Georgier bereit, um Leute mit dem Pferd herüber zu bringen. Das brauchen wir nicht, wir sind ja fit. Pustekuchen. Der Fluss ist in viele kleinere Arme unterteilt. Die ersten kleinen Arme durchläuft man ganz einfach. Schuhe bleiben an, so tritt man sich nichts ein und hat mehr Halt. Trocknen tut bei dem Wetter fast alles gut. Dann kommt der Hauptarm. Man tendiert ja dazu eine Stelle zu wählen, an der der Fluss schmal ist. Das sollte man aber nicht, weil dort ist er tief und schnell. Lieber läuft man an einer breiten Stelle ewig durch das eiskalte Wasser als das zu machen was ich fertig gebracht habe: Fast in den Fluss zu fallen. Der Fluss wird auf dem letzten Meter so tief, dass mir das Wasser bis zu den Kronjuwelen steht. Ich muss mich mit aller Kraft auf den Wanderstock beugen damit es mich nicht nach hinten umwirft. Doch dann kommt jemand der noch ungeduldiger ist als ich: meine Mutter. Bevor ich den Fluss gedanklich verarbeitet habe, ist sie schon hinter mir an gleicher Stelle und ehe ich mich versehe liegt Sie im Fluss. Ich bekomme Sie am Schlafittchen zu fassen und ziehe Sie rüber zu mir. Die Stöcke werden mitgerissen. Gott sei dank sind wir trotz Gewichtsreduktion ein bisschen überausgerüstet und Ulla nach wenigen Minuten komplett trocken angezogen. Pferde zum queren… braucht kein Mensch… oder doch.

Nach einem sehr schönen Pass kommen wir in ein hochgelegenes unbewohntes Tal, machen ein Feuer, trocknen Klamotten, kochen, sammeln Blaubeeren und genießen einen Camp-Spot der der Märchenwiese des Nanga Parbat die Stirn bietet.

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Tag 7

Heute wird genossen. Erwachen mit Ausblick. Blaubeer-Hirse zum Frühstück. Sonnenschein.

Benno und Kristina müssen um 18 Uhr in Mestia das Marshrutkas kriegen. Wir verlassen das Tal nach Süden, weg von den höchsten Gipfeln. Nach Ausblicken in tiefe Schluchten kommen wir in das erste Dorf (Khalde) seit 36 Stunden und kriegen erstklassigen Kuchen serviert. Wir waren nicht mal lange aus der Zivilisation und doch schmeckt es so als hätten wir gerade den Atlantik überquert. Wir sind nun wirklich “weit drin” im Kaukasus. Um so überraschter sind wir von dem hervorragenden Englisch zweier Mädels im Alter von ca. 10 Jahren, die uns eine Fahrt nach Mestia organisieren wollen. Wir haben gehört dass Georgien auch versucht rurale Gebiete mit Bildung zu versorgen. Das scheint mit Englisch-Unterricht schon mal zu funktionieren. Cool. Ihr Papa bringt uns nach Mestia. Die Fahrt gewohnt hektisch und einige Bekreuzigungen des Fahreres später sind wir auch schon da. Auf seinem Mixtape läuft neben georgischer Musik auch Alpha Blondie. Was für eine lässige Familie.
Ulla und ich wollen noch in Mestia bleiben, also suchen wir uns eine Pension. Benni und Kristina packen. Wir essen noch gemeinsam und dann noch mal am Abend – traditionell georgisch. Verdammt lecker. Lobio (Bohnen-Mus), Mingrelisches Khachapuri (eine Art Pizza), grüne Salate.
Dann gibt es das erste mal seit fünf Nächten Schlaf in einem echten Bett. Herrlich

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Tag 8

Wir erwachen wenig erholt. Viel zu viel haben wir am Vorabend gegessen. Die Beine sind schwer von den letzten Tagen. Doch irgendwie drückt uns trotz Panorama-Fenster der Wanderwurm zur Tür raus. Wir steigen bei warmen Temperaturen direkt hinter dem Haus in den Berg. Es ist steil und schnell sind 800 HM getilgt. Eine große Lichtung mit Blick über die Stadt lädt zu einem Picknick ein. Wir essen altes Brot mit Nutella und Käse und steigen dann über einen Fahrweg in aller Seelenruhe ab. Wir baden unsere Füße in einem reißenden Bach. So soll ein Ruhetag sein. Auf dem Rückweg in die Stadt merken wir wie sehr sich Mestia im Wandel befindet. Man erkennt wie arm und heruntergekommen es an vielen Stellen ist und zeitgleich wie weltoffen und sinnvoll hier Tourismus entsteht. Campingplätze mit Wintergärten und Feuerstellen anstatt Hotels. Liebevoll handgemalte Straßenschilder die einladen im Gegensatz zu Leuchtreklame. Hoffentlich bleibt Mestia auch ein Hippiedorf wenn es einmal reich ist, das wird nämlich nicht mehr lange dauern. Wir essen gut mit Aussicht und runden den Tag mit Kuchen ab, den eine alte Frau in ihrem Mini-Laden verkauft. Selbst gebackene Kuchen, drei Stück zur Auswahl. Das ist alles was man hier kaufen kann. Kleine Auswahl, gute Qualität. So darf es immer sein. Gute Nacht

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Tag 9

Die Sache mit der Sau

Wir checken aus und wollen wegen des tollen Wetters, vor allem aber wegen der Freude am Zelten, gerne noch mal raus in die Natur. Der Tag wird ähnlich gemütlich angegangen wie der gestrige. Keine Ziele, kein Zeitdruck. Einfach nur Urlaub – draußen. Erst mal wird unser Lieblingscafe angesteuert und danach Brot und Obst eingekauft. Dann steigen wir noch mal das Tal gen Zabeshi auf. Viel Ruhe und mit einem Blick für die Kleinigkeiten. Sogar mit den Wegen wird experimentiert. Der Zeltplatz mit Blick auf Stadt, Ushaba und Gletscher zugleich… ein tolles Plätzchen.

Wir stellen fest, das sämtliche Wasserquellen die wir suchen, Ende August quasi trocken liegen. Also begeben wir uns (mit genug innerer Ruhe im Gepäck) auf die Suche nach Wasser. Nach einiger Zeit werden wir fündig. Ich muss ein ganzes Stück noch aufsteigen, um eine Stelle zu finden wo es so fließt, dass man es abfüllen kann. Dann muss es noch gefiltert werden… vielleicht hätte man einfach Wasser aus Mestia rauf schleppen sollen. Aber wir wollen ja das Abenteuer… wir wollen es ja. Und wir bekommen es. Auf dem Rückweg zum Camp steht eine ausgewachsene Sau auf dem Weg mit 5 oder 6 Ferkeln – und sie ist so unglücklich über uns wie wir über sie. Ich glaube es handelt sich hier um ein Hausschwein, dass ausgebüchst ist und seitdem wild lebt. Wie ein streunender Hund quasi…. Nur eben ein Schwein. Also kein Wildschwein, aber ein wildes Schwein. Die Stimmung ist angespannt, die Sau haut ab. Wir gehen weiter… alle alternativen Wege zurück wären massive Umwege. Dann hören wir aber mehrmals das laute Schaufen (ich intepretiere es als Drohgebärde). Der Hang ist auch zu stiel für das Tier um den Weg zu verlassen. Eigentlich nicht empfehlenswert eine gestresste Mutter mit Jungen vor sich her zu treiben, irgendwann könnte man dann doch Opfer einer berechtigten Verzweiflungstat werden. Aber die Nummer geht gut aus. Irgendwann ist das Schweinehund überwunden und wir können zurück zum Zelt.

Dort wird entspannt… um nicht sogar zu sagen, gechiiiilllt. Ein Tagebuch entsteht. Die Grundlage für diesen Reisebericht. Danke an Karsten – gute Idee!

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Tag 10

Aufwachen mit Aussicht vom Feinsten. Die Sonne legt sich langsam über Mestia. Es ist zum Verrücktwerden schön. Sogar der Ushaba (ein Wolkenliebhaber) zeigt sich mal oben Ohne.
Gestern noch alleine am Berg, kommen uns heute (Freitag) Scharen an Menschen entgegen. Wir verabschieden uns innerlich vorerst von den Bergen und versuchen uns auf eine abenteuerliche Rückreise einzustellen. In Mestia wird kurz eingekauft und dann reservieren wir uns gute Plätze in der Mashrutka. Das ist wichtig, weil die Fahrt ist holprig und lang. Vor uns drei Georgier, neben uns Deutsche, hinter uns Niederländer. Der Fahrer ein Raser. Die verfrühte Ankunft nutzen wir um Zugdidi mal näher zu begutachten – immerhin ist es die einzige wirkliche Stadt außer Tiflis die wir diesen Urlaub sehen werden. Und Zugdidi ist arm. Nur 10 km von der Grenze zu Abchasien entfernt, ist es ein Ort in den viele Abchasier fliehen. In einem Land das eh nicht besonders wohlhabend ist, haben es Arbeitslose und Flüchtlinge natürlich entsprechend schwer. Plattenbauten, Müll und Chaos. Ulla findet es spannend. Ich habe das Gefühl sie hat Blut geleckt. Respekt und Vorsicht weichen immer mehr der Neugierde. Das nächste Reiseziel sollte ein zwischenmenschliches Abenteuerreise werden.

Dann in den Zug nach Tiflis, 18 bis 0 Uhr (dieses Mal kein Nachtzug). Wegen eines Unwetters mit Stromausfall auf der Strecke sitzen wir im Zug bis 1:30. Dieser sowieso völlig überfüllt. Schon knackig. Dann noch eine Taxifahrt. Ich hatte die Nase voll von dem Tag also bin ich aus dem Bahnhofsgebäude raus und hab ziemlich laut gesagt (vllt. sogar geschrieben) „Five Lari and not one Lari more, it is only 2 kilometers.“ Enttäuschte Gesichter… den kann man also nicht mehr abziehen. Erst war ich stolz und dann habe ich mich gefühlt wie ein Geizkragen. Ein bisschen sollte man als Mitteleuropäer vllt. freiwillig drauflegen. Egal. Und damit war unsere erste faire Fahrt zum Hotel gebucht. Wieder im Bricks Rooms (Pension) und dann wurde geschlafen.

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Tag 11

Wir schlafen aus und gehen einem Tipp nach, der uns von einem niederländischen Englischlehrer gegeben wurde. Im „Rooms“, einem Hotel unweit von unserer Unterkunft, gibt es ein großes Frühstücksbuffet auch für nicht-Gäste. Einen Tag leben wie ein König… da war uns nach. Und man es war gut. Individuell zubereitete Omletts, alles was man sich an Gebäck, Obst, Belag und Aufstrich vorstellen kann. Sogar Lachs und Sekt. Wir haben es uns richtig gut gehen lassen. Dann wollten wir ein bisschen shoppen und sind zu Fuß quer durch die Stadt in Richtung „Vake“ geschlendert. Tiflis ist wirklich vielfältig. Eine tolle Stadt, mehr muss man an dieser Stelle nicht dazu sagen.

Abends haben wir im Keto & Kote Fisch und Fenchel gegessen. Hier haben ich auch ein paar Rotweine durchprobiert, um sattelfest am nächsten Tag Gastgeschenke einkaufen zu gehen J Ja…. In Georgien kann man es sich gut gehen lassen.

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Tag 12

Frühstück im Cafe unter unserem Haus. Wow… sehr sehr hip. Cafe oder Atelier… wir sind nicht sicher. Aber verdammt gute kleine Frühstücke. (Siehe Fotos)
So: Heute wird sich der Teil von Tiflis angeschaut, den man als Tourist gesehen haben muss. Eigentlich wollten wir zum Moma Georgien… aaaaber das ist leider genau heute geschlossen also über Umwege (wegen Dreharbeiten auf der Ave Rustaveli) geht es in Richtung alte alte Altstadt. Malerisch und ganz offensichtlich uralt.

Ein Abstecher in unseren lieblings-mini-Platz. Eine Packung M&Ms und ein paar Schlücke Wasser später gehen wir heim. Dort mussten wir Räume wechseln, das neue Zimmer ist noch nicht ganz fertig, also gehen wir raus im die Ecke in ein Teehaus. Junge schöne Menschen. Eistee-Variationen, Waffeln, Salate. Sicher das zehnte Mal in der kurzen Zeit werde ich an Berlins Stil und Innovation erinnert. Es ist wahr was man über Tiflis sagt. Also im Teehaus bleiben wir ein bisschen.

Da es die letzten ruhigen Stunden sind die wir in Tiflis haben werden, wird der Entschluss gefasst den Teil der Stadt auf der andere Seite des Flusses doch noch zu begutachten. Mit einer Sowjet Metro geht es rüber nach Marjanishvili. Hier ist es ziemlich europäisch auf der Hauptstraße, viktorianischer Baustil, viel Action. Wir schauen uns Tiflis “Fabrika” an. Eine Art Hostel / Concept-Store / Food-Court Innehof in dessen Mitte ein Trödelmarkt stattfindet. Gefühlt ein Meltingpot der Hipster. Aber schön, jungen Georgierinnen und Georgiern beim genießen zuzuschauen. Für mich gibt es einen Burger und ein IPA. Wie es sich gehört.

Jetzt aber ab ins Bett, morgen noch mal in die Natur.

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Tag 13

Mit der abenteuerlichen Metro geht es nach Didube. DEM Busbahnhof der Stadt. Ab ins Mashrutka nach Kazbegi. Das läuft mittlerweile ziemlich routiniert. Warum nach Kazbegi? Georgiens hoher Kaukasus verläuft entlang des gesamten Nordens des Landes. Dieser ist aber durch Südossestien (besetzt durch Russland) unterbrochen, was seine Reisefreiheit anbelangt. Deshalb gibt es quasi einen westlichen (humiden) Teil und einen östlichen (ariden) Teil des hohen Kaukasus den man sich anschauen kann. Landschaftlich wesentlich karger und auch weniger besucht. Vielleicht wegen des kühleren Wetter; Vielleicht weil es Montag ist, aber hier ist wirklich keine Socke. Wir fahren mit einem Taxifahrer von Stepantsminda nach Juta. Einem der höchsten Dörfer Georgiens auf fast 2200 Metern. Die Berge sind hier zwar nicht ganz so hoch wie um Mestia, aber die Täler liegen höher.

Wir wandern los und werden nach einer Stunde von einem Militärposten über den Fluss heran gewunken. Unsere Personalien werden aufgenommen und es wird uns einer Sondergenehmigung ausgestellt. Wir sind so nah an der russischen Grenze (2 km Luftlinie) und der letzte Kaukasus-Konflikt liegt noch nicht so lange zurück. Landschaftlich ein Genuss, politisch eine einzige Knautsch-Zone. Die Soldaten sehr freundlich und sogar mit Deutschkenntnissen bewaffnet. Nur dass ich noch keine Frau und Kinder habe kann man in Georgien nicht verstehen. Ich erkläre ihm, dass das in Deutschland auch viele nicht verstehen. Aber wir sind uns einig das meine Mutter Glück hat, dass Sie so einen Unsinn wie “Wandern in militärischen Konfliktzonen” mit ihrem Sohn unternehmen “darf”.

Auf dem Weg in immer höhere Regionen gesellt sich ein Streuner zu uns, der sich nicht an den Nomadensiedlungen mit den großen Kaukasushunden im Taleingang vorbei traut. Nur wie er hier überhaupt rein geraten ist wissen wir nicht. Kommt der über den Pass? Egal… außer dass er Kühe provoziert und sich dann hinter uns versteckt ist er ein angenehmer Zeitgenosse.

Auf 2750 Metern haben wir genug. Es könnte sein, dass ich niemals höher campiert habe. Der Platz trotzdem Wahnsinn. Die Bilder einen Blick Wert. Trotz niedriger Temperaturen kommt wie aus dem Nichts ein Gewitter auf. So hoch am Berg uns dieses mal nur zu Zweit deutlich größeres Unbehagen. Aber es hält sich nicht lange. Dafür scheint es seinen Ursprung in einer Kaltfront gehabt zu haben. Es klart auf uns der Regen des Gewitters ist bald eine harte Glasur auf dem Zelt. Es friert und zwar nicht zu knapp. Ulla und ich in den +5°C-Komfort Schlafsäcken schaffen es trotzdem auf ein paar Stunden Schlaf…. Ja heute in dieser Nacht sind wir in der echten Wildnis. Man merkt es.

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Tag 14

Unser letzter Tag in Georgien. Morgen geht es sehr früh in den Flieger. Wir sind aber am Ende der Welt. Erst mal bleiben wir liegen bis die Sonne um die Ecke biegt. Das dauert zwischen hohen Bergen im September dann schon bis 8:30. Für diese Temperaturen sind wir nicht ausgerüstet. Mental geht es uns gut, körperlich so langsam dann auch wieder. Die Landschaft zieht einem die Socken aus. Das Morgenlicht animiert zum knipsen.
Auf dem Abstieg vorbei an den Militärposten verlässt uns Streuni für andere Wanderer und steigt mit denen wieder auf. Wir winken unseren Militär-Posten-Freunden. Plötzlich ist Wildnis wieder ganz harmlos. “Man könnte man hier Skitouren gehen” denke ich die ganze Zeit. Alles perfekte grüne Wiesen. “Nur kommt man im Winter überhaupt hier her?” Egal… Abschiedsstimmung. Wir treffen noch deutsche Wanderer denen wir ein paar Tipps geben können. Es gibt Kaffee und Kuchen in Juta und dann fahren wir mit einem 50 Jahre alten Lada die steile Gebirgsstraße runter. Es gibt keine Kupplung und die Abgase werden offenbar einfach ins Autoinnere geleitet. Ekelhaft aber auch irgendwie witzig. Vielleicht bin ich high. Ulla ist es ganz sicher.

Rückweg mit dem Mashrutka, der übliche Wahnsinn. Dann das Treiben in Didube (dem Busbahnhof). Es reicht dann auch ein bisschen mit Tiflis. Wir freuen uns auf das aufgeräumte Deutschland. In den frühen Morgenstunden mit dem Taxi zum Flughafen. Tolle Stimmung, die Stadt so still. Der Flug pünktlich und frei von Turbulenzen. Wir haben es geschafft!

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